Eine Gruppe lachender Kinder
07.03.16 10:36 Alter: 2 yrs
Kategorie: JG Pressemitteilungen, Top News
07.03.16

„Zeit nehmen ist sehr wichtig.“

Martin Almon hält Vorträge zum Thema „Unterstützte Kommunikation“ – und ist selbst Nutzer eines Talkers.


Martin Almon mit seinem Talker, der vor ihm am rollstuhl befestigt ist.

Martin Almon nutzt einen Talker, um mit seiner Außenwelt zu kommunizieren. Mit den Augen steuert er verschiedene Symbole an und baut damit Sätze - oder sogar ganze Vorträge.

Freitag, 10.00 Uhr, Köln-Mülheim. In einem Konferenzraum des „Lebenshilfe e.V.“ beginnt der „Fachtag Unterstützte Kommunikation (UK)“. Die meisten der zehn Teilnehmerinnen sind sogenannte „UK-Coaches“ und damit Expertinnen auf diesem Gebiet. Doch wie sich unterstützte Kommunikation ganz konkret anfühlt, wenn man tagtäglich darauf angewiesen ist, das weiß hier niemand besser als Martin Almon, der erste Referent des Tages. Der 43-Jährige wohnt im Benediktushof, einer Einrichtung der Josefs-Gesellschaft, und kann selbst aufgrund seiner Behinderung nicht sprechen – eigentlich.


„Meine Stimme ist mein Talker“, sagt Almon. Aus einem kleinen Lautsprecher ertönt jedes Wort zunächst einzeln, sehr langsam, aber laut und deutlich. Anschließend folgt noch einmal der vollständige Satz in normaler Sprechgeschwindigkeit.  Für jedes Wort steuert Almon eines oder mehrere Symbole des Bildschirms an, der vor ihm an seinem Rollstuhl befestigt ist – mit den Augen. Das verlangt viel Konzentration, manche Sätze sind geradezu körperlich anstrengend. Doch Martin Almon lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Anstrengung gerne auf sich nimmt. Selbstbewusst fordert er von seiner Umgebung ein, ihn ausreden zu lassen. „Zeit nehmen ist sehr wichtig“, sagt er und appelliert damit auch an all diejenigen, die Anwender von Talkern beruflich pflegen oder begleiten.


Viel Unterstützung, aber auch viel Unverständnis


Liebevoll erzählt Almon von seiner Mutter und von guten Freunden, die ihn bei der Entwicklung seiner individuellen Ausdrucksmöglichkeiten unterstützt und gefördert haben. Im Benediktushof ist er heute Mitglied im „Qualitätszirkel Kommunikationsassistenz“ und wird im Rahmen seiner Arbeit als Werkstattbeschäftigter darin unterstützt, seine  Vortragstätigkeit auszuüben. Doch er berichtet auch von Situationen in seinem Leben, in denen seine Stimme nicht gehört wurde. Oft fühlte er sich dem Unverständnis und der Ungeduld seiner Umgebung ausgeliefert. „Damals in der Werkstatt für behinderte Menschen hat man mir den Talker einfach weggenommen, damit ich meine Arbeiten dort besser ausführen konnte“, erinnert er sich. „Was hast du gemacht, um den Betreuern dort verständlich zu machen, dass du ihn unbedingt wiederhaben musst?“ fragt eine Zuhörerin. „Augen“, sagt Almon und macht vor, wie er mit eindringlichen Blicken sein Sprechwerkzeug zurückgefordert hat.


Aus diesen Erfahrungen heraus ist Almons Mission entstanden: Er will die Gesellschaft über die Möglichkeiten der unterstützten Kommunikation – ganz besonders den Talker – informieren. Für seine mehr als 20-jährige Aufklärungsarbeit, zum Beispiel in Schulen, Kindergärten und Universitäten, wurde er 2015 mit dem Ehrenpreis der „Gesellschaft für unterstützte Kommunikation“ (isaac) ausgezeichnet. Almon liegt am Herzen, dass möglichst viele Menschen, die aufgrund einer schweren Krankheit oder eines Unfalls nicht sprechen können, vom Talker profitieren. Und das geht eben nur, wenn das technische Hilfsmittel auch als Stimme akzeptiert wird, der man zuhört und die von ihrem Träger nicht einfach zu trennen ist.


„Was machst du, wenn du den Talker mal nicht mitnehmen kannst?“, fragt eine Studentin aus dem Publikum. „Ich gehe nirgendwohin, wo ich ihn nicht mitnehmen kann“, stellt Martin Almon klar und lächelt. Mit den Augen.

 

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