Eine Gruppe lachender Kinder
18.04.16 17:47 Alter: 2 yrs
Kategorie: JG Pressemitteilungen, Top News
18.04.16

"Nur dabei zu sein, ist noch keine Teilhabe"

Teilhabe beginnt mit der Wahrnehmung des eigenen Selbst. Ein Interview mit Beate Kellner, der Beauftragten für Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung im Heinrich-Haus, Neuwied.


Beate Kellner (links), studierte Sozialarbeiterin und Heilpädagogin, mit einer Bewohnerin des Heinrich-Hauses in Neuwied.

Beate Kellner (links), studierte Sozialarbeiterin und Heilpädagogin, mit einer Bewohnerin des Heinrich-Hauses in Neuwied.

Frau Kellner, der Begriff „schwerstmehrfachbehindert“ wird unterschiedlich definiert. Was verstehen Sie darunter?

Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung haben eine schwere Schädigung im zerebralen System (zerebral = zum Gehirn gehörende Strukturen). Diese beeinträchtigt die Wahrnehmung und kann schwerste Körperbehinderungen zur Folge haben. Die Verarbeitung aufgenommener Reize, das Einsortieren und Bewerten, ist bei diesen Menschen sehr eingeschränkt – bei manchen so extrem, dass sie sich selbst nicht oder kaum wahrnehmen. Den Betroffenen steht keine aktive Sprachfähigkeit, oft auch keine passive zur Verfügung. Damit fehlt die Basis für die Anwendung von Gebärdensprache oder Talkern.

Gibt es eine Möglichkeit, sich annähernd in eine solche Situation hineinzuversetzen?

In meinen Kursen zur Basalen Stimulation mache ich mit den Teilnehmern meist folgende Übung: Sie sollen sich auf den Boden legen, bewegungslos und mit offenen Augen. Ich stelle ihnen anfangs Fragen, zum Beispiel: Wie groß bist du, wo fängt dein Arm an und wo hört er auf? Wenn ich dieselben Fragen nach einer Viertelstunde noch einmal stelle, können die Teilnehmer diese bereits viel schlechter beantworten, denn sehr schnell verändert sich die Körperwahrnehmung, wenn man sich nicht bewegt. Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie von Geburt an in dieser Situation sind, bekommen Sie vielleicht eine Ahnung davon, wie es ist, schwerstmehrfachbehindert zu sein.

Bedeutet das, dass ohne Bewegung keine Wahrnehmung möglich ist?

Ja. Ein Säugling, der sich bewegt, nimmt sich auch als wirksam wahr. Wenn er etwas berührt, dann rasselt etwas usw. Wenn jemand von Geburt an schwerstmehrfachbehindert ist, fehlen ihm diese grundlegenden Erfahrungen. Er nimmt keinen Kontakt zu seiner Umgebung auf, und die Umgebung antwortet nicht. Irgendwann lässt sich gar nicht mehr genau sagen, welche Behinderungen auf der ursprünglichen Beeinträchtigung beruhen und welche auf den nicht vorhandenen Erfahrungen.

Mithilfe der Basalen Stimulation gelingt es Ihnen, Kontakt zu diesen Menschen aufzubauen und sogar eine Art der Kommunikation herzustellen.

Basale Stimulation ist ein Konzept menschlicher Begegnung, mit einem Schwerpunkt auf Kommunikation in allen Sinnesbereichen. Mit ihrer Hilfe machen wir die Erfahrungen, die ich beschrieben habe, möglich. Das geschieht zum Beispiel durch Berührungen, Massagen oder atemstimulierende Einreibung. Wir helfen dem Betroffenen dabei, sich den eigenen Körper bewusst zu machen. Genauso wichtig ist aber ein regelmäßiger, möglichst gleichförmiger Tagesablauf, der dazu beiträgt, den Betroffenen Sicherheit und Orientierung zu geben. Denn je weniger Kraft für den Alltag notwendig ist, desto mehr bleibt ihnen, um sich individuell weiterzuentwickeln und immer mehr am Leben teilzuhaben.

Wie sieht „Teilhabe“ von Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung aus?

Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung Teilhabe zu ermöglichen, bedeutet zunächst einmal, ihre Selbstwahrnehmung und damit auch die Wahrnehmung ihrer Umgebung zu fördern. Denn „Teilhabe“ heißt nicht, dabei zu sein, wenn andere ihr Leben leben, sondern bedeutet vielmehr, selbst Zugang zum Sein zu finden – auf die Art und Weise, die individuell möglich ist und den Betroffenen nicht überfordert. Wenn es darum geht, die Belange schwerstmehrfachbehinderter Menschen im Hinblick auf Teilhabe und Inklusion zu vertreten, sind wir als Fachkräfte gefordert. 

Woran erkennen Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit etwas bewirkt haben?

Die Kommunikation mit schwerstmehrfachbehinderten Menschen ist meist sehr fein und subtil, für Außenstehende kaum erkennbar. Wenn eine Person fröhlicher wirkt, aufmerksamer ist und mehr Interesse zeigt als vorher, dann ist das schon ein deutliches positives Signal. Ein Erfolg ist es auch, wenn ein Bewohner gelernt hat, zu schlucken, ohne sich zu verschlucken. Oder wenn jemand plötzlich mit einem Muskelzucken oder einer Augenbewegung deutlich machen kann, dass er lieber das Käsebrot mag als das Schinkenbrot – nachdem man ihm Jahre lang jeden Morgen beides gezeigt hat. Denn Selbstbestimmung ist natürlich ein wichtiges Thema. Eine Herausforderung besteht darin, erst einmal herauszufinden, was dem Betroffenen überhaupt wichtig ist.

Dafür ist es sicherlich notwendig, sich gegenseitig intensiv kennenzulernen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
 
Ja, und das dauert oft sehr lange. Wenn Klaus seine Atmung verändert, bedeutet das nicht dasselbe wie wenn Christiane ihre Atmung verändert. Ganz wichtig ist ein festes, gleich bleibendes Betreuerteam, Wechsel sind sehr schwierig für alle Beteiligten. Das muss auch hinsichtlich der zunehmenden Ambulantisierung berücksichtigt werden.

Warum lieben Sie Ihren Beruf?

Dafür gibt es sehr viele Gründe. Einer davon ist, dass ich diese ganz besondere und absolut ehrliche Art der Kommunikation als sehr bereichernd empfinde. Ich möchte, dass meine Arbeit sinnvoll ist, und das erfahre ich hier jeden Tag aufs Neue.

 

 

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