Eine Gruppe lachender Kinder
23.09.15 10:05 Alter: 2 yrs
Kategorie: JG Pressemitteilungen, Top News
23.09.15

„Der tägliche Wahnsinn“

Ein Experiment der Kölner Selbsthilfegruppe „Mobilität im Rollstuhl“ zeigt: Bahn-Reisende mit Gehbehinderung brauchen nicht nur das nötige Know-How, sondern auch viel Gelassenheit und Selbstvertrauen.


Das Foto zeigt die gut gelaunte Reisegruppe am Kölner Hauptbahnhof.

Gut gelaunt an Gleis Zwei: Sechs Mitglieder der Selbsthilfegruppe "Mobilität im Rollstuhl" machen sich auf den Weg von Köln nach Oberhausen.

Samstag, 12.30 Uhr, Kölner Hauptbahnhof: In der Empfangshalle laufen unzählige Menschen quer durcheinander. Die meisten haben es eilig. Es ist bunt, es ist voll, es ist laut. Auf den Bahnsteigen ungewollter Stillstand, Wartende schauen ungeduldig auf die Uhr. Durch das Gewirr der Stimmen und das Tosen der ein- und ausfahrenden Züge dringt jetzt eine Durchsage der Deutschen Bahn. „Bitte beachten Sie: Der Regionalexpress nach Emmerich über Düsseldorf und Oberhausen, Abfahrt um 12.31 Uhr von Gleis Zwei, fährt heute abweichend von Gleis Eins.“ An Gleis Zwei bricht Hektik aus, eine Menschentraube setzt sich in Bewegung. Man rennt und man rammt sich, denn alle wollen nur das Eine: Den Zug an Gleis Eins erwischen.


Selbstbewusst gegen den Strom


„Das ist der tägliche Wahnsinn“, stöhnt Janis Bonn, der mit seinem Elektrorollstuhl an Gleis Zwei steht. Er hat sich hier heute mit fünf Mitgliedern der Selbsthilfegruppe „Mobilität im Rollstuhl“ getroffen, um einen Ausflug ins Oberhausener CentrO zu unternehmen. Gemeinsam wollen sie ausprobieren, wie sie als Gruppe mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vorankommen. „Als einzelner Rollstuhlfahrer unterwegs zu sein, ist schon schwierig genug“, erklärt Bonn. „Aber mit mehreren ist es nochmal komplizierter.“ Einige der Teilnehmer sind selbst gehbehindert, andere sind als Begleitpersonen mit von der Partie. Jetzt ist Eile angesagt: Die „Läufer“ rennen schon mal vor zu Gleis Eins, Janis Bonn, ein weiterer Rollstuhlfahrer und ein Mann mit Gehhilfe lavieren sich gegen den Strom zum Fahrstuhl. Angekommen an Gleis Zwei, steuern sie den ersten Waggon an, wo Marie-Luise Leisch schon ihren Fuß in die Tür gestellt und den Zugführer informiert hat. „Die Rampe wird gleich ausgefahren“, meldet sie ihren fünf Mitreisenden, die mittlerweile vollzählig am Bahnsteig eingetroffen sind. In Minutenschnelle – und doch wäre der Zug wohl weg gewesen, wenn Leisch ihn nicht aufgehalten hätte.


Die eigenen Rechte als Fahrgast kennen


„Wenn man als Rollstuhlfahrer Bahn fährt, muss man vor allem gelassen bleiben und einen kühlen Kopf bewahren“, sagt Janis Bonn. Der ehemalige Schüler des Nell-Breuning-Berufskollegs in Rhöndorf, das zur Josefs-Gesellschaft gehört, hat dort im Sommer seinen Abschluss gemacht. Jetzt wohnt er in Neuss und arbeitet als Verwaltungsangestellter in Köln. Gerne würde er täglich mit der Bahn zu seiner Arbeitsstelle fahren. „Aber oft bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Taxi zu nehmen“, sagt er. Um sicherzugehen, mit dem Zug rechtzeitig anzukommen, müsse er schon drei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof sein. Denn es sei nun mal so: „Die Bahn ist immer noch nicht auf Rollstuhlfahrer eingestellt, obwohl die Gesetzeslage das eigentlich verlangt.“


Eigeninitiative dringend benötigt


Das zeigt auch die Vorgeschichte dieses Ausflugs: 24 Stunden vorher müssen Rollstuhlfahrer ihre geplante Fahrt ankündigen, denn nicht jeder Zug und jeder Bahnsteig sind barrierefrei. Janis Bonn hatte das bereits zwei Tage zuvor ordnungsgemäß erledigt. Gestern Abend dann ein Anruf aus dem Service-Center der Deutschen Bahn: Alle Züge nach Oberhausen sollen auf Gleis 13 umgeleitet werden, wo der Bahnsteig jedoch mehr als zehn Zentimeter zu hoch ist für die Rampe. „Es wurde uns nahegelegt, die Fahrt komplett abzusagen, und das geht natürlich nicht“, ärgert sich Bonn. Eine Alternative wäre der ICE gewesen – als „nächsthöherer Zug“, für den die Deutsche Bahn aus Kulanz den Zuschlag übernommen hätte. „Aber in den ICE passen gar nicht so viele Rollstühle hinein“, erklärt Bonn. Nach etlichen Telefongesprächen mit dem Service-Center kam er schließlich von sich aus auf die Idee, über Duisburg zu fahren und dort umzusteigen. Aus eigener Initiative – nicht aufgrund einer kompetenten Fahrgast-Beratung.


Auch mal etwas wagen


„Ganz wichtige Aspekte von Mobilität sind das Wissen um die eigenen Rechte als Fahrgast mit Behinderung und das Selbstvertrauen, für diese auch einzutreten“, sagt der 19-Jährige. Viele Rollstuhlfahrer wüssten zum Beispiel gar nicht, dass ein Zugführer sie nicht einfach stehen lassen dürfe – etwa unter dem Vorwand, dass keine Begleitperson vorhanden sei. „Und viele kennen sich auch nicht damit aus, welche Bahnhöfe und U-Bahnhöfe einen Fahrstuhl haben oder an wen man sich wenden kann, wenn dieser kaputt ist“, so der engagierte Kölner. Um das zu ändern und anderen Rollstuhlfahrern Mut zu machen, auch mal etwas zu wagen, hat er vor etwa einem Jahr die Selbsthilfegruppe „Mobilität im Rollstuhl“ gegründet. „Wir haben mittlerweile 20 Mitglieder und die Gruppe wächst stetig“, freut sich Bonn. Zu den Mitgliedern gehören auch Angehörige und Freunde von Menschen mit Behinderung, gesetzliche Betreuer und andere Interessierte. „Ich bin dabei, weil ich hier mit netten und interessanten Leuten zusammen bin, von denen ich obendrein eine Menge lernen kann“, sagt zum Beispiel Marie Luise Leisch. „Rollstuhlfahrer müssen in ihrem täglichen Leben besonders flexibel sein und immer wieder kreative Lösungen finden, das fasziniert und beeindruckt mich sehr.“


13.26 Uhr, Ankunft in Oberhausen. Der Fahrstuhl funktioniert und bugsiert die Kölner Reisegruppe auf die Straßenebene. Ein Blick aufs Handy, und dank Google Maps ist schnell klar: „Zur Stadtbahn-Haltestelle müssen wir jetzt noch 600 Meter in diese Richtung.“ Der Bahnsteig ist erhöht, sodass der Weiterreise ins CentrO nichts mehr im Weg steht. Bis auf die zahlreichen, dicht gedrängten Mitreisenden, die an diesem Samstagnachmittag ebenfalls das CentrO im Visier haben. Der guten Laune der mobilen Rheinländer kann das jedoch nichts anhaben, die Vorfreude steigt. „Was machen wir gleich als erstes, wenn wir angekommen sind?“, fragt Marie Luise Leisch. Erst mal was essen, da sind sich alle einig.


Die Selbsthilfegruppe „Mobilität im Rollstuhl“ trifft sich jeden zweiten Samstag im Monat von 14.00 bis 17.00 Uhr im Bürgerhaus „Mütze“ in Köln-Mülheim. Interessierte sind herzlich willkommen.
Weitere Informationen gibt es unter www.mobilitaetimrollstuhl.de.

 

Kontakt:
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Nina Louis
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