Eine Gruppe lachender Kinder
16.04.15 11:40 Alter: 3 yrs
Kategorie: JG Pressemitteilungen, Top News
16.04.15

„Den Alltag revolutionieren“

Ein Tablet PC ist für die einen Spielzeug und Statussymbol, für die anderen Arbeitsmittel. Weniger bekannt ist, dass der Tablet PC – eingesetzt als technisches Hilfsmittel in der Behindertenhilfe – einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit und Teilhabe bedeuten kann.


Eine Auszubildende mit Hörbehinderung produziert mit dem Tablet PC einen kurzen Lehrfilm, ein „Tutorial“ – hier für den Bereich Hauswirtschaftslehre.

Eine Auszubildende mit Hörbehinderung produziert mit dem Tablet PC einen kurzen Lehrfilm, ein „Tutorial“ – hier für den Bereich Hauswirtschaftslehre.

Sieben Uhr morgens, langsam bewegen sich die Rollläden nach oben, Musik ertönt leise aus dem Wohnzimmer. Max M. rollt vom Bad aus in die Küche, wobei sich die Türen automatisch öffnen. Der 34-Jährige sitzt seit einem Verkehrsunfall vor acht Jahren im Rollstuhl und ist vom Hals abwärts gelähmt. Dennoch kann er weitgehend selbstständig in seiner eigenen Wohnung leben. Eine spezielle Applikation („App“) auf seinem Tablet PC ermöglicht es ihm, viele alltägliche Vorgänge in seinem persönlichen Umfeld selbst zu steuern, vom Licht über die Heizung bis hin zum DVD-Player.

Diese Geschichte klingt wie Zukunftsmusik, ist aber in manchen Einrichtungen der JG-Gruppe bereits Realität  – so auch für einige Bewohner des Heinrich-Hauses in Neuwied. „Wir haben gerade ein Pilotprojekt gestartet“, berichtet Norbert Schröder, Berufschullehrer im Heinrich-Haus. Er ist JG-Spezialist in Sachen Tablet PCs und gibt sein Wissen in Schulungen an die Kollegen in den anderen JG-Einrichtungen weiter. Schröder ist überzeugt: „Mit einem Tablet PC, insbesondere iPad, lässt sich das Leben vieler Menschen mit Behinderung revolutionieren.“ So kann das Gerät etwa zur Kommandozentrale für das eigene Zimmer werden und die Selbstbestimmung der Bewohner erhöhen. Die Abhängigkeit von Assistenzleistungen wird reduziert und der Mensch mit Behinderung in die Lage versetzt, sein Umfeld nach seinen Wünschen und Bedarfen zu steuern.

Barrierefreiheit von Anfang an

Warum ein iPad, wenn es auch ein Android-Modell sein könnte? „Es geht hier nicht um ein ansprechendes Design oder ein Faible für die Marke“, betont Schröder. „Tatsache ist, dass iPads bestimmte Funktionen für die barrierefreie Anwendung von Vornherein mitbringen, die andere Modelle nicht haben.“ Das sind zum Beispiel vielfältige Bedienungsmöglichkeiten für sehbehinderte Menschen, Einstellungen für Hörbehinderte oder sogar Schaltersteuerungen, mit deren Hilfe sich das iPad ausschließlich mit Kopfbewegungen bedienen lässt. Während man deshalb im Heinrich-Haus iPads favorisiert, sammelt man in anderen Einrichtungen der JG bereits Erfahrungen mit Android-Geräten, die sich auch in Bezug auf Barrierefreiheit ständig weiterentwickeln. Alle Tablets lassen sich durch teilweise kostenfreie APPs erweitern. Dies bietet die Möglichkeit die Geräte für jeden Menschen mit Behinderung individuell einzurichten, um behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen.

Die JG-Gruppe arbeitet schon seit Jahren vor allem im Bereich der schulischen Bildung mit Tablets. Die Idee entstand in der Berufsbildenden Schule des Heinrich-Hauses, bei der Produktion von sogenannten „Tutorials“.  Die Schüler erstellten mit Hilfe von Smart Phones kurze Lehrfilme zu praktischen Unterrichtsinhalten und nahmen dabei alles selbst in die Hand, vom Schreiben des Storyboards bis hin zum Drehen, Schneiden und Vertonen. Schnell wurde allen Beteiligten klar: Technische Geräte wie Smart Phone und Tablet sind viel mehr als eine technische „Spielerei“. Im Heinrich-Haus wird seitdem der Nutzen – insbesondere von Tablet PCs – als Unterrichtswerkzeug und Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung erforscht und weiterentwickelt. Tablet PCs ermöglichen Menschen mit Behinderung zum Beispiel, den Unterricht eigenständig und ohne Assistenz zu dokumentieren oder Arbeitsblätter auszufüllen. Sprachsteuerung, Diktierfunktion, Google-Sprachsuche, externe und virtuelle Tastaturen kommen zum Einsatz. Präsentationen der Lehrer und der gesamte Unterrichtsstoff lassen sich auf dem Tablet beliebig vergrößern, sodass Schüler mit unterschiedlichsten Behinderungsbildern, zum Beispiel Schüler mit starker Sehbehinderung, am Unterricht teilnehmen können – ganz im Sinne der Inklusion. Auch für Schüler mit einer Spastik ist die Bedienung des Tablets kein Problem. Zu ihnen gehört Sebastian Fasel. „Die Unabhängigkeit im Unterricht und die Selbstständigkeit sind einfach super“, findet er. Die Entwicklungen aus dem Heinrich-Haus werden mittlerweile unternehmensweit genutzt. So haben einige Schulen der JG-Gruppe bereits Fortbildungen zur Nutzung der Tablet-PCs erhalten.

Innovativ und preisgekrönt

Aus der Anwendung im Schulunterricht entstanden neben Unterrichtskonzepten, die bereits mit Preisen prämiert wurden, auch Erfindungen wie die iC4U: Sie besteht aus einem Tablet und einer Kamera, die an einer gemeinsamen Halterung befestigt sind. Die Kamera ist frei positionierbar und vom Tablet aus zu steuern. Texte können aus der Entfernung fotografiert und zur Ansicht vom Schüler selbst vergrößert werden. Auch die Verwendung der Vorlesefunktion ist möglich. Die Erfindung des Heinrich-Hauses, an der auch Schüler der Berufsbildenden Schule mitgewirkt haben, erhielt den ersten Preis beim Ideenwettbewerb Rheinland-Pfalz. „Innovation und Neugier, verbunden mit Spaß an der Arbeit, helfen uns dabei, Lösungen zu finden, die Menschen mit Behinderung zu Gute kommen“, sagt Norbert Schröder.

Preisgekrönt ist auch eine weitere Innovation aus der Ideenschmiede im Heinrich-Haus: eine spezielle Tablet-Halterung, die einem stark bewegungseingeschränkten Menschen die Bedienung erleichtert. „Für herkömmliche Rollstuhl-Tablet-Halterungen werden, wenn sie als Hilfsmittel durch die Krankenkasse gezahlt werden, mitunter vierstellige Beträge aufgerufen“, weiß Schröder. „Da uns die angebotenen Lösungen zu teuer erschienen, haben wir Tablet-Halterungen gemeinsam mit Schülern und Auszubildenden entwickelt und in unseren eigenen Werkstätten für behinderte Menschen gebaut.“ Die Vorrichtung wird an die individuellen Gegebenheiten – zum Beispiel die Art der Behinderung oder die technischen Voraussetzungen des Rollstuhls – angepasst.  Einige Schüler mit Lernbehinderung entwickelten dabei für einen Mitschüler mit starker Tetraspastik ein an Körpergröße, Art der Spastik und Lebensführung angepasstes Modell. Dafür wurden sie beim Schülerwettbewerb des Rotary-Clubs Neuwied-Andernach mit einem Innovationspreispreis ausgezeichnet.

Die Abteilung Rehabilitation der JG-Gruppe nutzt die Erfahrungen aus dem Bereich der schulischen Bildung, um weitere Angebote  im Rahmen von Umfeldsteuerungs-Systemen zur Verbesserung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung zu entwickeln – für alle Lebensbereiche, von der Arbeit bis hin zum Wohnen. Um diese Entwicklung auch über die Josefs-Gesellschaft hinaus zu fördern, werden Kooperationen mit Einrichtungen wie dem Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz, MedienundBildung.com, Arbeitsagenturen sowie anderen Rehabilitationseinrichtungen und Schulen geschlossen.

 

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Nina Louis
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