Eine Gruppe lachender Kinder
29.11.16 11:46 Alter: 1 year
Kategorie: JG Pressemitteilungen
29.11.16

„Barrieren besprechbar und damit veränderbar machen“

Der 11. Kongress der Josefs-Gesellschaft (JG) machte deutlich: Die „International Classification of Functioning, Disability and Health“ (ICF) ist in allen JG-Einrichtungen angekommen.


Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer im Eingangsbereich des Gustav-Stresemann-Instituts

Viel Begeisterung und Engagement, hochinteressanter Input, inspirierende Gespräche und kreative Projekte: Das war der 11. Kongress der JG-Gruppe, der am 25. und 26. November im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn stattfand. Rund 170 Mitarbeiter sowie Vertreter der Mitwirkungsorgane der JG-Gruppe nahmen daran teil. Der Titel: „ICF.2016 – Intelligent steuern. Chancen sehen. Freiheit gestalten.“ So lautete auch der thematische Schwerpunkt, unter den die JG-Gruppe das Jahr 2016 gestellt hatte.


ICF ist die Abkürzung für „International Classification of Functioning, Disability and Health“ („Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“). Es handelt sich dabei um ein Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem man den Grad einer Behinderung sichtbar machen kann. Das Besondere: Die ICF beruht auf dem bio-psycho-sozialen Modell und ermöglicht damit einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen, seine Ressourcen und Bedarfe. „Behinderung“ definiert die ICF als das „Ergebnis der negativen Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem und ihren Kontextfaktoren auf ihre funktionale Gesundheit“.


„Was behindert dich?“


„Die Frage ist nicht: Bist du behindert?“, erklärte JG-Geschäftsführer Manfred Schulte in seiner Einführungsrede, „sondern vielmehr: Was behindert dich?“ Nur mit einem klaren, umfassenden Blick darauf, was einen Menschen beim Erreichen seiner individuellen Ziele unterstützt oder was ihn davon abhält, könne man personenzentrierte und passgenaue Leistungen anbieten. Mit der ICF sei es möglich, Unterschiede – und damit auch Barrieren – differenziert abzubilden. „Ohne Achtsamkeit für Unterschiede ist die Anschauung von Vielfalt als Normalität ein gesellschaftlicher Brei, in dem alles enthalten ist, aber nichts erkennbar“, so Schulte. Dies gelte auch für Barrieren in den Köpfen. „Wir alle erleben in diesen Zeiten, wie bedeutsam es ist, Barrieren besprechbar und damit veränderbar zu machen.“


Dr. Theodor-Michael Lucas, Sprecher der JG-Geschäftsführung, betonte: „Wir wollen die ICF dazu nutzen, personenzentriert zu planen, Ressourcen passgenau zu verteilen, die gute Arbeit unserer Mitarbeiter sichtbar zu machen und ein höheres Maß an Transparenz sowohl für den Leistungsnehmer als auch für den Leistungsträger zu schaffen.“ Damit das gelinge, sei es wichtig, sich an den JG-Leitlinien „Im Mittelpunkt der Mensch“ zu orientieren. „Die Vorteile müssen für den Leistungsnehmer wahrnehmbar, erfahrbar und im Idealfall auch noch eindeutig messbar sein“, so Lucas.

 

Große Bedeutung für den Bereich Rehabilitation


Für den Blick über den JG-Tellerrand sorgten externe Referenten: Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Dr. Dieter Schartmann vom Landschaftsverband Rheinland, Prof. Dr. Petra Gromann von der Hochschule Fulda, Prof. Dr. Matthias Morfeld von der Hochschule Magdeburg Stendal, Nils Wöbke vom Lebenshilfewerk Mölln-Hagenow und Prof. Dr. Christian Bernzen von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.


Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas hob hervor, die ICF sei ein sinnvolles Erkenntnis- und Arbeitswerkzeug, könne aber keine Norm darstellen. „Normierend für eine Caritas- oder Diakonie-Einrichtung sind das christliche Menschenbild und die Leitvorstellung einer gerechten, inklusiven Gesellschaft. Jede individuelle Klassifikation und Handlungsanleitung hat demgegenüber nur eine begrenzte Reichweite“, so Haas. Menschen hätten ein  grundlegendes Recht auf Anerkennung und Unterstützung, und genau daran müsse sich ein Klassifikationssystem im Sinne des christlichen Menschenbildes messen und beurteilen lassen.


Prof. Dr. Matthias Morfeld bot unter anderem einen Einblick in wesentliche aktuelle Entwicklungen. Dazu gehören seiner Ansicht nach ICF-Core-Sets, also Listen mit einer reduzierten Anzahl von ICF-Items, und die Zuordnung von bestehenden Assessment-Instrumenten zu den ICF-Kategorien („linking rules“). Darüber hinaus würden auch bereits Assessment-Instrumente entwickelt, die von Anfang an auf dem Klassifikationssystem der WHO basierten. „Die Bedeutung der ICF für den Bereich Rehabilitation ist sicherlich sehr hoch einzuschätzen und es ist wichtig, die Mitarbeiter entsprechend zu schulen“, betonte Morfeld.

 

"Wir sind Kontext"


Dr. Dieter Schartmann stellte das Bedarfserhebungsinstrument  IHP 3.1 vor und zeigte die Verknüpfung  des Instruments mit dem Bio-Psycho-Sozialen Modell und der ICF. „Unerlässlich ist aus meiner Sicht die Entwicklung einer Haltung, dass Menschen mit Behinderung keine Defizitwesen sind, die auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen sind, sondern Menschen, die über Fähigkeiten und Kompetenzen verfügen und eine grundsätzliche Möglichkeit zur Entwicklung haben“, sagte er.


„Wir sind Kontext für die Menschen mit Behinderung in unseren Einrichtungen“ lautete eine der Kernthesen von Dr. Jens Borgelt vom Berufsförderungswerk Bad Wildbad. Als einziger JG-interner Referent beschloss er den ersten Kongress-Tag mit einem Vortrag, in dem er die wichtige Bedeutung von Umweltfaktoren für das Gelingen von Rehabilitationsprozessen hervorhob. „Wir sind in unseren Entscheidungen erwiesenermaßen nicht so frei wie wir denken“, erklärte er. Die räumliche Umgebung, Mit-Rehabilitanden, Fachkräfte usw. träfen auf gelernte Denk- und Handlungsschemata  – und all das habe Einfluss auf den Rehabilitationserfolg. „Die ICF kann helfen, dysfunktionale Schemata transparent zu machen und ihre Wirkung zu vermeiden“, so Borgelt. 

 

Einen wichtigen Teil des JG-Kongresses gestalteten die JG-Einrichtungen mit der Darstellung von Projekten, die sie zum Thema ICF umgesetzt hatten. In mehreren Präsentationsräumen entstand dazu ein reger Austausch.


Ausführliche Zusammenfassungen aller Redebeiträge sowie Beschreibungen der einzelnen Projekte werden zum Jahresanfang 2017 in einer Kongress-Dokumenation veröffentlicht, die dann unter www.jg-gruppe.de zum Download bereitsteht.

 

Kontakt:


Nina Louis
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
0221/88998-116
presse(at)josefs-gesellschaft.de 

Josefs-Gesellschaft gGmbH
Custodisstr. 19-21
50679 Köln