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27.11.12 15:46 Alter: 5 yrs
Kategorie: JG Pressemitteilungen, Top News
27.11.12

„JG-Gruppe 2.0 – Inklusion gestalten“

Auf dem 9. Kongress der Josefs-Gesellschaft ging es um die Frage, mit welchen Strategien und konkreten Maßnahmen das Unternehmen effektiv zur Inklusion von Menschen mit Behinderung beitragen und sich zugleich nachhaltig für die Zukunft aufstellen kann.


Zum 9. JG-Kongress mit dem Titel „JG-Gruppe 2.0 – Inklusion gestalten“ trafen am vergangenen Freitag und Samstag rund 150 Mitarbeiter und Leistungsnehmer der Josefs-Gesellschaft (JG) im Bonner Gustav-Stresemann-Institut zusammen. Ziel war es, Ideen und Strategien zur Umsetzung des Inklusionsgedankens und zur entsprechenden Positionierung des Sozialunternehmens JG jetzt und in Zukunft zu entwickeln. Die Josefs-Gesellschaft mit insgesamt circa 6200 Mitarbeitern ist Träger von bundesweit 17 Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie Krankenhäusern und Altenheimen.


Als Anbieter von Spezialeinrichtungen sieht sich die JG vor der Herausforderung, das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen – vom Wohnen über Schule und Ausbildung bis hin zu Arbeit  und Beschäftigung – mit zunehmend ambulanten Angeboten zu fördern und zugleich dem individuellen Bedarf an kompetenter Unterstützung weiterhin gerecht zu werden. Dies erfordere einen grundlegenden Wandel – nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern auch in der Behindertenhilfe – „Deshalb haben wir diesen Kongress JG-Gruppe 2.0 genannt“, erklärte JG-Vorstandssprecher Dr. Theodor-Michael Lucas. Inklusion dürfe nicht dazu missbraucht werden, Gleichmacherei zu betreiben und Leistungen für Menschen mit Behinderung abzubauen. „Personenzentrierung und Selbstbestimmung müssen auch in Zukunft, im Rahmen der Umsetzung des Inklusionsgedankens, wichtige Eckpfeiler unserer Arbeit sein“, betonte Lucas. Auf dieser Basis gelte es „spezialisierte Angebote“ zu schaffen und der JG damit ein „deutliches Profil“ zu geben.  


„Inklusion soll für alle Beteiligten – auch im Sinne einer solidarischen Gesellschaft des Miteinanders – ein Gewinn sein“, unterstrich Vorstandsmitglied Manfred Schulte. Eindringlich wies er auf den Artikel 26 der Behindertenrechtskonvention hin: Zum Zweck der vollen Teilhabe an allen Aspekten des Lebens müssten umfassende Habilitations- und Rehabilitationsdienste und -programme, insbesondere auf dem Gebiet der Gesundheit, der Beschäftigung, der Bildung und der Sozialdienste, organisiert, gestärkt und erweitert werden.  

Vier externe Redner beleuchteten die Herausforderungen und boten Lösungsansätze aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven. Prof. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen referierte zum Thema „Sozialraumorientierung: Ein Konzept aus der sozialen Arbeit – auch für die Behindertenhilfe?“ Für eine gelungene Sozialraumorientierung formulierte er drei Qualitätsprinzipien: 1. Den Ansatz am Willen des Menschen mit Behinderung, im Sinne einer inneren Energie zum Handeln und im Gegensatz zum bloßen Wunsch, der allein auf Erwartungen an andere beruhe. Eine Aufgabe von Sozialunternehmen der Behindertenhilfe sei es, Menschen dazu zu ermutigen, diese innere Energie zu finden und zu ihr zu stehen. 2. Das Aktivierungsprinzip, nach dem es nicht um das rein fürsorgliche Betreuen gehen müsse, sondern vor allem um das Entwickeln vorhandener Kompetenzen und Potentiale. 3. Das Nutzen von Ressourcen: Durch Netzwerkarbeit im Sozialraum sei es möglich, viele Menschen mit ihren Fähigkeiten in die Behindertenhilfe einzubeziehen. „Inklusion setzt voraus, dass wir im Sozialraum über unsere Zielgruppe hinausschauen“, regte Hinte an.

Prof. Frank Schulz-Nieswandt von der Universität zu Köln stellte zunächst klar: „Die Bewegung aus den Einrichtungen heraus und hinein in die Gesellschaft muss funktional äquivalent sein, nur besser!“ Beispielhaft beleuchtete er die Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Die Inklusionsentwicklung habe zur Folge, dass „die Starken im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen und nur noch die Schwächsten in der Werkstatt bleiben, und das bedeutet: Die Werkstätten fokussieren sich mehr auf die Rehabilitation und werden weniger marktorientiert.“ Dies sei zwar machbar, müsse aber dann auch politisch getragen werden – „wir brauchen dazu den Staat als Gewährleistungsstaat“, so Nieswandt.

Eine ähnliche Auffassung vertrat auch Evelin Schönhuth-Keil, ehemalige Landesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen und bis April 2012 Erste Beigeordnete des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. „Wir brauchen das Thema Inklusion auch verankert in den gesetzlichen Bestimmungen und in der Philosophie der Kostenträger“, betonte sie. Die Sozialunternehmen steuerten auf einen gigantischen Fachkräftemangel zu, und dieses Problem sei nur über Geld zu lösen. Ein weiterer wichtiger Aspekt sei die Inklusion in den Köpfen – ein gesamtgesellschaftliches Problem, das auch andere Bereiche wie Armut einschließe: „Wie sollen Jugendliche Toleranz gegenüber Menschen mit Behinderung aufbringen, wenn sie nicht einmal tolerieren, dass jemand keine Markenjacke anhat?“ so Schönhuth-Keil. Inklusion müsse auch zu Hause vorgelebt werden. „Jetzt müssen alle Menschen mit ins Boot.“
Tessa Zaeyen vom niederländischen Sozialanbieter Pluryn stellte den Lösungsweg ihres Unternehmens vor: Man habe sich explizit auf bestimmte Behinderungsbilder spezialisiert und zugleich die Selbstregie der Leistungsnehmer in den Vordergrund gestellt.

In Arbeitsgruppen, bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung, wurden die Vorträge angeregt diskutiert und Ideen entwickelt, die in Kürze in Form einer Kongress-Dokumentation veröffentlicht werden sollen. Zudem gab es Präsentationen von Best-Practice-Beispielen aus den einzelnen Einrichtungen, welche die Kongress-Teilnehmer im Rotationssystem besuchen konnten.


Abschließend fasste Dr. Theodor-Michael Lucas zusammen: „Es steht fest, dass sich eine Entwicklung weg von großen Einrichtungen und hin zu kleinteiligeren Systemen vollziehen muss.“ Zudem sei es sinnvoll, die Einrichtungen weiterhin nach außen zu öffnen und Kontakte mit den Menschen in der Umgebung herbeizuführen, „Menschen zu gewinnen, etwas mit uns gemeinsam zu machen.“ Wichtig sei auch eine Erhöhung der Angebotsvielfalt, einschließlich der Entwicklung neuer Angebote außerhalb des stationären Bereichs. Hinzu komme die Notwendigkeit, das Profil der Spezialeinrichtungen zu schärfen. „Wir müssen ganz konkret sagen, für welche Behinderungen wir Spezialisten sind“, so Lucas.



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Nina Louis
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